672 Pilze 44589 Muße 278 Süßkartoffel

Möchten Sie vom Muße Konto abheben? Oder haben sie eine Muße Karte? Und den Bon der Muße- Transaktion?

So könnten die Gespräche an der Kasse aussehen, wenn es sich nicht um belanglose Dinge wie Payback Punkte oder die aktuelle Treuepunktesammelaktion gehen würde. Ich habe die letzten zwei Jahre an einem Supermarkt an der Kasse gearbeitet. Im Laufe des Projektes, habe ich mich gefragt, ob das auch Muße Unterbrechungen meines Alltags sein können.
Ich sitze da und völlig automatisiert scanne ich die Artikel, gebe die Nummern der Obst- und Gemüsesorten ein und verbuche die Leergut Bons.

601 Banane
260 Tomate
672 Pilze
690 Kartoffel
254 Zitrone
117 Avocado

Ein freundliches Hallo und das Wünschen eines angenehmen Resttages gehen mir leicht über die Lippen. Ich muss mich nicht anstrengen, um den Code zu finden, automatisierte Handgriffe. Das Bedienen der Kasse, das Abreisen des Bons, das Geld entgegennehmen oder das Rückgeld aus den kleinen Schachteln raussuchen, die Sicherung der Alkoholflaschen entfernen oder Kleingeld nachfüllen. Alles mache ich seit 2 Jahren, zweimal die Woche. Ich bin ein Profi, meine Hände und mein Kopf wissen genau was sie machen müssen. An manchen Tagen fühlt es sich an wie ein Trance ähnlicher Zustand. Der Bildschirm verschwimmt vor meinem Auge und ich schweife mit den Gedanken ab. Ich sehe die Kund*innen an, aber ihr Aussehen dringt nicht in mein Bewusstsein. 2 Minuten später kann ich nicht mehr sagen, wen ich bedient habe.  

An anderen Tagen ist das Piepen der Kasse unerträglich, durch die Plastikabschirmungen wurdes jedes Geräusch weiter verstärkt und die Worte der Kund*innen zu verstehen war eine Superkraft. Die lauten und penetranten Geräusche auszublenden, funktioniert mal gut und mal weniger gut. Hängt davon die Muße Erfahrung ab? Kann ich überhaupt Muße Erfahrungen an der Kasse haben, beim Arbeiten?

Arbeit und Muße werden vielfach als Gegensatz gesehen. Denn Muße, so ist mindestens die landläuftige Vorstellung und Erfahrung, gehört nicht zur Arbeitserfahrung, sondern in die Zeit außerhalb davon.

Anselm Bilgri. vom glück der muße. S211

Ich gehe zur Arbeit, weil ich Geld verdienen muss, aber diese Arbeitsstelle habe ich mir eigenständig ausgesucht. Also stelle ich mich bewusst gegen monotone und passive Arbeit, gegen das Absitzen meiner Zeit stattdessen für eine bewusste Entscheidung das Beste draus zu machen. (Manchmal schwierig und nicht möglich…) Aber in vielen Zeiten war ich in diesem Moment, oft nachmittags ab 17:00 Uhr, ich habe die Menschen gesehen und ihnen ehrlich einen schönen Tag gewünscht, das es meine Pflicht war an der Kasse zu sitzen ist dabei in den Hintergrund gerückt und ich habe mich von Kund*in zu Kund*in gearbeitet. Auch Bilgri sagt, dass es die Einstellung zum Arbeiten einen großen Teil der Qualität des Erlebens der Arbeit bestimmt. (Vgl. Alselm Bilgri, vom glück der muße, S.213). Meine Einstellung war bereit für MM (MußeMomente), ich war offen für alles was kommt oder auch was nicht kommt. Ich stimme ihm im nächsten Punkt zu:

Das heißt, dass das Ziel der Arbeit nicht direkt in der Arbeit an sich liegt. Muße aber – und das ist der wesentliche Unterschied – hat ihr Ziel in der unmittelbaren Verwirklichung.

Anselm Bilgri. vom glück der muße. S214

Das priorisierte Ziel meiner Arbeit ist es Geld zu verdienen und nicht Muße zu verwirklichen, das stimmt. Aber kann ich nicht trotzdem in einem Arbeitskontext Muße erleben?
Das Semester über habe ich gemerkt, dass die Muße auch ganz plötzlich und unerwartet ihren Weg zu mir findet und das auch an die Kasse. Mit meiner offenen Einstellung, der Tatsache, dass ich nicht dauerhaft mit schlechter Laune dort sitze und die Zeit verfluche, ist es passiert, dass ich MM erlebt habe. Für mich hat sich die Offenheit dem Moment gegenüber zuträglich dafür erwiesen, dass ich Muße spüren kann und sie als diese erkenne. Also ist Muße bei der Arbeit für mich nicht mehr nur ein Mythos. Unabhänig davon, ob es an dem gleichmäßigem Piepen liegt, der Routine oder den aufmerksamen Kund*innen.

PS: Lächelt doch dem nächsten Kassierer oder der nächsten Kassierin extra freundlich entgegen, sie oder er freut sich!

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