Muße (T)raum

Im Zusammenhang mit unseren Präsenzterminen habe ich mir Gedanken über Geichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, Präsenz- vs. Onlinelehre und die immer wiederkehrende Befürchtung etwas zu verpassen gemacht. Zu dieser Beziehung habe ich folgendes Zitat gefunden:

Ich glaube also, dass die heutige Unruhe grundlegend den Raum betrifft – jedenfalls vielmehr als die Zeit. Die Zeit erscheint wohl nur als eine der möglichen Verteilungen zwischen den Elementen im Raum. Trotz aller Techniken, die ihn besetzen […] ist der zeitgenössische Raum wohl noch nicht gänzlich entsakralisiert (im Unterschied zur Zeit, die im 19. Jahrhundert ent-sakralisiert worden ist). […] Vielleicht ist unser Leben noch von Entgegensetzungen geleitet […] z. B. zwischen […] dem kulturellen und dem nützlichen Raum, zwischen dem Raum der Freizeit und dem Raum der Arbeit.

Zitat von Michel Foucault, Literatur und Muße
Von der Bedeutung der scholé für den
Literaturunterricht
von Annemarie Niklas, S. 91

Ich finde, dass dieses Zitat nicht nur auf das Gefühl etwas zu verpassen und die damit einhergehende Unruhe zutrifft, sondern auch auf den versetzten Raum oder die Raumlosigkeit von Online- und Präsenz-Sein, vom Im-Moment-Erlebten und dem Ungleichzeitigem, verschobenen Erleben durch anschließende Aufzeichnung und Dokumentation. Unsere Dokumentation der Präsenztermine durch Videos und erzählte Erfahrungen schnitten also durch Raum und Zeit. Das hat bei mir dazu beigetragen, dass ich mir die Unternehmungen bildlich vorstellen konnte, an denen ich nicht teilnehmen konnte, ja, ich hatte sogar das Gefühl, mit dabei gewesen zu sein. Gleichzeitig glaubte ich, trotzdem etwas Essenzielles verpasst zu haben, etwas nicht-dokumentiertes, ein großes Mysterium, das sich irgendwo in den zeitlichen Zwischenräumen versteckte und sich somit außer Reichweite befand. Im Gegensatz dazu fühlten sich Videos der Unternehmung, an der ich Teil hatte, an, als würde ich sie aus der dritten Person betrachten und war so schnell wieder vergangen, dass es wirkte, wie ein Traum. Warum ist es so schwer, Erlebnisse einzufangen, warum wirken sie manchmal im Nachhinein so artifiziell, so unerlebt? Warum fühlen sich manche Räume online surreal an und andere wiederum, als wäre man mit anwesend?

So stellte sich mir die Frage: Ist Musik ein Raum? Sind Geräusche Räume, wenn man sie sich als solche vorstellt? Wo ist der Anfang, wo das Ende der Vorstellungskraft? Kann man etwas erleben auch wenn man es nicht erlebt hat? Kann man ein Erlebnis erschaffen, das nie existiert hat und trotzdem erfahren werden kann?

Ich wollte versuchen, einen fiktiven Mußeraum zu erschaffen. Also habe ich nach verschiedenen Geräuschen gesucht die für mich persönlich mit Muße zutun haben und diese einzeln aufgenommen (Katzenschnurren, Regen, Feuer, Dielen, Buchseiten, Tür, Vögel) und versucht anhand einer Geräusch-Collage einen fiktiven Mußeraum zu erstellen, der so nie wirklich existiert hat. Ich wollte, dass es eine Szenerie darstellt, bei der jemand bei Regen auf einem Schaukelstuhl vor dem Kamin sitzt und ein Buch liest während das Feuer knistert und eine Katze schnurrt bis der Regen vorbei ist und die Vögel wieder singen. Natürlich ist so ein Raum etwas anderes, es lassen sich in diesem Raum keine kollektiven Erfahrungen machen, es gibt keine Interaktion und man kann auch nichts Neues erfahren. Aber es ist ein statischer, ewig existenter Ablauf den man Aufsuchen kann, wenn man sonst keine Muße findet und der allein von Phantasie und Vorstellung getragen wird.

Also: Sesam öffne dich!

(Am Besten funktioniert es, wenn man die Augen schließt und Kopfhörer aufsetzt 😊🎧)

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